17. August 2007 06:34
Lust an der Mobilität
Vor einem Jahr hatte ich meinen Pilotenschein verlängert und bei der Gelegenheit in eine europaweit gültige JAR-Lizenz umgetauscht. Bisher war ich aber nie dazugekommen, auch meinen Segelfliegerschein zu verlängern, denn für Privatpiloten ist die Austrocontrol zuständig, Segelflieger wie auch Fallschirmspringer betreut der Aeroclub. Immer wieder nahm ich mir vor, zum Aeroclub in der Blattgasse zu fahren, aber immer kam mir etwas dazwischen.
Als mir gestern wieder das Verlängerungsformular mit der Bestätigung des Fliegerarztes beim Aufräumen in die Hand fiel, hatte ich eine unerwartet heftige Eingebung, das endlich zu erledigen. Und die Eingebung war goldrichtig, denn so ging es sich noch knapp mit den 5 Starts aus, die ich im letzten Jahr nachweisen mußte um die Verlängerung zu bekommen.
Aber die angenehmste Überraschung war eine Änderung im Luftfahrtrecht für Segelflieger. Mein Schein gilt jetzt 5 Jahre lang, ich brauche nur immer ein gültiges fliegerärztliches Gutachten, neudeutsch ”Medical” genannt. Sollte ich in 5 Jahren keine 5 Starts nachweisen können, dann ruht der Schein, bis ich ihn wieder reaktiviere.
Segelflug ist so eine Art der Bewegung, die eigentlich nichts direkt bringt, weil man ja immer dort wieder landet, wo man zuvor per Flugzeug-Schlepp gestartet ist. Gleiches kann man über das Fallschirmspringen sagen. Der Weg ist hier das Ziel, oder anders gesagt: Bewegung als Selbst-Zweck, aus Freude über die Möglichkeit zur Bewegung selbst.
Hier finden wir auch den wahren Grund, weshalb Menschen bereit sind, ein Jahreseinkommen oder mehr in einen PKW zu investieren. Man kauft sich das Gefühl ein, wegfahren zu können wann man will. Das geht mit dem Golf um 20.000 EUR genauso gut wie mit dem Audi um 40.000 EUR. Der Mehrpreis hat kaum Auswirkung auf die Fortbewegung selbst, denn Geschwindigkeitsbegrenzungen und das Straßennetz gelten für alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen. Nur das subjektive Gefühl während der Bewegung ist anders und dafür gibt man gerne viel mehr Geld aus, in der Hoffnung dadurch glücklicher sein zu sein können.
Bahn vs. Flugzeug
Heute war Werbung von Railteam in der Post. Dies ist die mehr als überfällige Antwort mehrerer europäischer Bahnbetreiber auf Vielfliegerprogramme wie z.B. Miles&More. Die Idee ist, ein europaweites Hochgeschwindigkeitsbahnnetz als attraktive Alternative zum Fliegen anzubieten. Besitzer einer Vorteilscard Club sind durch die ÖBB dort auch automatisch Mitglied und kommen in den Genuß der Business Lounges, derer es in Wien zwei gibt.
Es bleibt abzuwarten, ob die Bahn den großen Vorsprung der Fliegerei jemals wieder einholen kann. Die Schiene kann ohne Zweifel bei Komfort und Preis punkten, während der Lufttransport durch Geschwindigkeit besticht. Es ist vorstellbar, dass Flugreisen in einigen Jahrzehnten durch weiter gestiegene Kerosin-Preise ein unerschwinglicher Luxus werden, den sich nur mehr Geschäftsreisende und reiche Leute leisten werden. Dann bleibt der Zug als einziges leistbares Massentransportmittel übrig, vielleicht in Tandem mit einem Trend zu mehr Gemütlichkeit.
Doch ist es heute eigentlich wirklich anders als früher? Wir können zwar schneller und weiter weg reisen, aber sind wir deswegen glücklicher?
Mobilität vs. Geld
Ein Gehalt ist eigentlich eine goldene Fessel, denn der monatlich eintreffende Geldbetrag fesselt mit gleichsam an meinen Arbeitsort. Die meisten Menschen werden beteuern, dass sie ja gerne arbeiten oder sich beschwerden, dass die Fessel so golden gar nicht ist.
Ich habe diese Woche mal wieder Rufbereitschaft, was auch meinem Handlungsspielraum in der Freizeit einschränkt: ich kann zu keinen Veranstaltungen gehen und ich hätte Skrupel, würde ich den Großraum Wien verlassen, sagen wir mal um zu meiner Freundin auf’s Land zu fahren. Eingeschränkte Flexibilität, die aber gut bezahlt ist.
Es ist eigentlich immer so, dass der Beruf einen geographisch an einen Punkt auf der Welt bindet. Man ist gewohnt an Werktagen ins Büro zu fahren, dies bestimmt den verfügbaren Bewegungsradius. Schnelle Verkehrsmittel machen es heute möglich, am Sonntag auf der anderen Seite der Welt zu sein und dennoch am Montag zur Arbeit zu erscheinen. Nur, dass der menschliche Körper da nicht so einfach mitspielt, Jetlag ist die Folge, wenn die gewohnten Schlafrythmen gestört werden.
Es stellt sich die Frage: gibt es so etwas wie einen “natürlichen Ort” für den Menschen?
Ich meine damit einen Ort, an der er alles bekommt, was er braucht um überleben zu können und gleichzeitig glücklich zu sein. Schon in der Steinzeit musste man die Höhle verlassen um Jagen zu gehen. Heute jagen wir zwar einem monetären Einkommen nach, aber die Höhle müssen wir dafür immer ncoh regelmäßig verlassen. Selbst ein Krösus, der sich jeglichen Luxus ans Bett bringen lassen könnte, wird es sich dennoch nicht nehmen lassen, sich zu bewegen. Tatsächlich ist es sogar so, dass die besonders Reichen mehrere Domizile besitzen, zwischen denen sie nach Lust und Laune pendeln.
Die Antwort ist wohl, dass der Mensch ein opportunistisches Wesen ist, denn er nützt die Gelegenheiten dort, wo sich diese bieten. Moderne Transportmittel erlauben uns schlicht, Gelegenheiten wahrzunehmen, die außerhalb des biologisch normalen Aktionsradius (“zu Fuß”) liegen.
Vor hundert Jahren noch wäre meine Beziehung mit Britta nie zustande gekommen, es sei denn der Herr Graf Pirringer hätte seine hübsche Tochter den Herrn Kaiser Drobnik für seinen ältesten Sohn im Austausch gegen umfangreiche Ländereien angeboten.