26. May 2009 06:51
In den Tagen vor unserer Hochzeit geht ich öfters mal in mich und überlege mir, ob und was sich ändert, wenn es dann eine Frau Drobnik gibt. Und da komme ich eigentlich zum Schluss, dass sich für mich eigentlich gar nichts ändert, vom Junggesellendasein habe ich mich eigentlich schon vor 2 Jahren verabschiedet. Meine Sturm und Drang-Phasen, in denen ich sogar soweit ging, 7000 Euro für einen Aufrißkurs samt Seminar in Los Angeles zu bezahlen war schon lange vorüber. Meine Probleme mit mir selbst konnten auch das liebe Geld nicht lösen.
Mein Junggesellenabschied war schon vor langer Zeit, deswegen gibt es keine Junggesellenabschiedsfeier mit Sauferei und Stripperinnen. Ich habe vor meiner Hochzeit nicht getrunken, nachher werde ich es auch nicht tun. Wovon soll ich mich also verabschieden?
Die einzige Angst, die ich jetzt habe ist, dass ich mit meiner iPhone-Programmiererei zu plötzlichem Weltruhm und Reichtum gelange und mir dann ständig weibliche Groupies an die Wäsche wollen. Aber ich fürchte den Erfolg nicht deswegen, weil ich dann nicht mehr “kann”, sondern weil ich all jene Mädels bedauere, die ihre Chance in den vergangenen 20 Jahren verpaßt haben. Denn leider gibt es mich nur einmal. Da kann die Britta gerne allen anderen Frauen die lange Nase zeigen.
Ich habe in diesem Jahr beschlossen kein Geld in die Fliegerei oder Fallschirmspringerei fliessen zu lassen, auch wenn das bedeutet, dass mein Pilotenschein nun ruht. Angesichts meiner persönlichen Finanzkrise wäre das verantwortungslos und ich könnte es gar nicht recht geniessen. Seit etwa einem Jahr habe ich ein anderes Ziel vor Augen: Ich möchte mit Britta zusammen schuldenfrei sein. Da würde obengenannter Ruhm schon etwas helfen, wenn sich damit auch finanzielle Sturzbäche in unsere Kassen gießen würden.

Die Britta mahnt mich immer wieder zu sofortiger Zufriedenheit mit unserer aktuellen Situation. Da wird mir dann immer klar, wieviel gescheiter sie ist. Ich tendiere doch zu sehr zum grübeln. Etwas lernen könnte ich von unserer Katze “Murmel”. Die braucht nur etwas Katzenminze um in Extase zu verfallen.
Dann nehme ich mich wieder einmal selbst an der Stupsnase und gebe mir einen Ruck. Ich habe bittesehr das ideale Leben. Aber ich habe mir in der Vergangenheit angelernt, immer Angst zu haben, dass ich nicht gut genug bin. Dass mir irgendjemand sagt, “Oliver, wir brauchen Dich nicht mehr.” Und tatsächlich, diese oder ähnliche Worte begleiteten meinen Rausflug aus ONE, Mobilkom, Raiffeisen, Do&Co und Altova. Bei den letzten beiden Arbeitgebern sogar in weniger als einer Woche. Das schmerzte gerade dort, wo es einem als junger Arbeitnehmer am meisten weh tut: in der Geldbörse. Diese führte leider dazu, dass ich organisch einen zweiten Nervenstrang ausbildete, der in mein Börsel führt und bei dem ich so ein Ziehen verspüre, wenn das Geld mal aktuell recht knapp ist. Ein Wort: Existenzangst. Irrational und undzutreffend, aber Teil meiner Vorgeschichte.
Britta betont immer, dass mich mich auch liebt, wenn ich arm bin. Das war sicher auch einer der Grüne, weshalb ich überhaupt keine Zweifel daran hegte, dass wir die Richtigen füreinander sind. So hat die Finanzkrise auch etwas Gutes: vor einem Jahr war ich noch ein ziemlicher Großkotz. Aber der Absturz unter Saldo 0 war indirekt die beste Vorbereitung für ein wesentlich zufriedeneres Leben.

Vor 5 Tagen habe ich dann mein Motorrad ausgemottet und ging auf Entdeckungsfahrt im Umland. Dabei fand ich eine herrliche Strecke mit vielen Ausblickspunkten und auch einigen netten Serpentinen. Gleichzeitig testete ich die neueste Version meines GPS-Recorders für iPhone namens GeoCorder.
Ich habe GeoCorder geschrieben, weil ich eine Möglichkeit haben wollte einen GPS-Track aufzunehmen und mir per E-Mail zu senden. Einige Kunden verwenden das Programm für das geotagging von Fotos, damit sie die schönen Bilder ihrer digitalen Spiegelreflexkameras mit Geo-Koordinaten versehen können. Das resultierende GPX-File kan man sich dann beispielsweise auf Google Earth ansehen. Hier ist meine erste Ausfahrt 2009. Es gab ein paar Stellen, an denen der Weg hüpft, da sieht man dann eine gerade Linie. Da hatte ich in meinem Eifer streckenweise vergessen die Aufzeichnung wieder zu aktivieren nachdem ich ein paar Landschaftsfotos (siehe oben) mit dem iPhone geschossen hatte.
Dieses sowie viele andere Projekte führen mir selbst eine wesentliche Weisheit vor Augen: Reichtum und Vermögen sind nicht das gleiche. Das Wort Reich-Tum hat mit einem selbst eigentlich nichts zu tun. Man hört Reich und denkt an irgendeinen Zustand, in dem man sich meistens nicht fühlt und was Tum sein soll, das weiss ich auch nicht. Klingt irgendwie wie Dumm, nur härter.
“Vermögen” andererseits ist freundlich und persönlich. Da steckt “Mögen” drinnen und die Spitze des V zeigt immer auf den Leser. Obendrein ist Vermögen nicht notwendigerweise immer nur finanziell zu verstehen, da steckt nämlich auch drinnen, dass man etwas vermag, also kann. Und können kann ich wirklich viel!
Es macht mich also nicht nur reich, dass ich viel vermag, sondern mein größter Reichtum ist, dass ich Britta habe. Sie sagt immer, dass ich nicht mehr auskomme, wenn ich mal Ja gesagt habe. Aber insgeheim fühle ich mich doch immer noch, als der größere Gewinner von uns zweien. Sie bekommt einen kleinen Hypochonder mit Senkfüßen und großer Klappe. Ich bekomme eine schlanke attraktive Frau, mit einem goldenen Herzen und deren größter Fehler ist, dass sie zu viele Schnulzromane liest.

Das dritte Bild in diesem Artikel stammt vom Hauptplatz in Weistrach, wo der ganze Ort am vergangenen Wochenende eine große Hochzeit gefeiert hat. Ich fand es witzig, uns vor dem Bogen mit Aufschrift “Hoch dem Brautpaar” zu fotografieren. Britta wollte das Foto sogleich wieder ins Exil schicken, sie ist zu fotoscheu, wie alle meinen grundlos.
Wenn man mich also fragt, ob ich vor der Hochzeit nervös bin, dann verneine ich das immer. Für mich ist es keine große Leistung vor Zeugen “Ja!” zu sagen und was die Organisation betrifft, die fiel durch den kleinen Rahmen und den Wegfall der Kirche sehr überschaubar aus. Mein Gefühl ist eher so als ob Britta und ich gleichzeitig am 29. Mai Geburtstag haben. Wir wissen schon, was wir geschenkt bekommen und freuen uns schon auf’s (gegenseitige) Auspacken.
Apropos Auspacken. Gestern habe ich auch meinen fertigen Hochzeitsanzug vom Stoffwerk abgeholt. Ist wieder toll geworden. Das ist übrigens der dritte Maßanzug, den ich dort habe herstellen lassen, aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Um die Nerven der Oma zu schonen hatte Britta angekündigt bei der Trauung am Standesamt einen zu ihrem Kleid passenden Bolero zu tragen. Worauf ich bemerkte: “Das will ich wohl meinen! Wäre ja noch schöner, dass Du da Air-Condition obenrum haben darfst und ich darf im Anzug schwitzen. Soviel Solidarität muss sein.”
Und als Britta, die seit einer Woche die Wettervorhersage für den Hochzeitstag studiert, mir am Telefon mitteilte, dass es wahrscheinlich nur 15 Grad haben wird, kam auch wieder der Optimist in mir zum Vorschein: “Na gottseidank! Dann kann ich wenigstens meinen Anzug anlassen und zerfliesse nicht vor Hitze.”
Das ist kein Zweckoptimismus. So bin ich halt. Britta ist es zu verdanken, dass ich immer öfter draufkomme, dass ich eigentlich ganz ok bin.